Ein halbes Leben im Studentenheim

Wolfgang, der langjährigste Studentenheimbewohner Wiens zieht aus.

Wolfgang B., genannt Wolferl, unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von anderen Studenten. Er trägt einen schlichten blauen Pullover im Schlabber -Look, dazu Jeans und weiße Turnschuhe. Das rundliche Gesicht ist glatt rasiert, auf dem Kopf sind keine grauen Haare erkennbar. Man könnte ihn auf Mitte 20 schätzen. Tatsächlich ist der Langzeitstudent aus St. Georgen bei Eisenstadt aber 37, und damit der mit Abstand älteste Bewohner des Burgenlandheims 3 (abgekürzt B3). In seiner Tätigkeit als Netzwerkadministrator hat der “alte Hase“ auch oft mit B3-Neulingen zu tun. Schiefen Blicken sieht er sich dabei nur selten ausgesetzt, das hat er seinem jugendlichen Aussehen zu verdanken: „Die meisten von den Neuen merken nicht, wie alt ich bin.“, sagt Wolferl. Bald wird er seine lange Karriere als Studentenheimbewohner aber beenden: Im Februar wird er mit seiner Freundin in die erste eigene Wohnung ziehen. Höchste Zeit also, die letzten 17 Jahre Revue passieren zu lassen.

Credit: Paul Haider

Eine Notlösung – für 17 Jahre

Sein Studentenleben hatte sich Wolferl ursprünglich anders vorgestellt: „Dass ich hier einziehe, war eigentlich gar nicht geplant.“ Als der Burgenländer 1993 ein Informatik Studium beginnt, will er sich ursprünglich einer Wohngemeinschaft in Wien anschließen. Daraus wird aber nichts, und so bleibt ihm das B3 als Notlösung. Anfangs ist das Heim für den jungen Studenten nicht mehr als eine Schlafgelegenheit: „Ich war ein Einzelgänger, und habe mich damals noch voll auf das Studium konzentriert.“ Mit seinem ersten Mitbewohner im Zweier-Zimmer hat er ein sehr eigentümliches Verhältnis. In den zwei Jahren, in denen sie auf engstem Raum zusammen leben, wechseln sie kaum je ein Wort. Das längste Gespräch, das die beiden in der B3-Zeit miteinander führen, findet bei einer Heimparty statt, als sie gemeinsam hinter der Bar stehen. „Wir haben einander akzeptiert, aber mehr schon nicht. Lustigerweise haben wir aber später in Eisenstadt öfter Kontakt zueinander gehabt, weil wir dort gemeinsame Freunde hatten.“ Heute teilt sich Wolferl mit seiner Freundin ein Zimmer, die er 2007 bei einem Heimfest kennen gelernt hat.

Trost in schweren Zeiten

Die Wende in Wolferls Zeit im Studentenheim kommt 1997, als sein Vater unerwartet stirbt. In dieser schweren Phase kann er sich auf seine B3-Kollegen verlassen, die ihn aufbauen und ihm dabei helfen, über den großen Verlust hinweg zu kommen. „Damals habe ich gemerkt, dass das Heim mehr ist als nur eine Unterkunft, und die Mitbewohner mehr sind als nur oberflächliche Kontakte.“, sagt der Mitdreißiger heute. Dieses einschneidende Erlebnis ist einer der Hauptgründe, warum sich Wolfgang auch im B3-Club engagiert, der den Sinn hat, dass sich ehemalige und aktuelle Bewohner auch nach der gemeinsamen Zeit im Heim regelmäßig treffen.

Credit: Paul Haider

Das Diplom kann warten

Etwa zu der Zeit, als Wolferl die positiven Seiten des Heimlebens zu schätzen lernt, gerät aber auch sein Studium ins Stocken. Er schiebt es immer weiter auf, mit seiner Diplomarbeit zu beginnen, holt den Präsenzdienst nach, verbringt einige Monate in Holland, genießt das Leben. Mit verschiedenen IT-Projekten und seiner Tätigkeit als Netzwerkadministrator im B3 hält er sich finanziell über Wasser. Doch jetzt, 18 Jahre nachdem er mit dem Studium begonnen hat, scheint ein Ende in Sicht zu sein. Wenn die Wohnung fertig renoviert und der Umzug von statten gegangen ist, will er sein Studium endlich abschließen.

Credit: Paul Haider

Drei Tage wach

Das studentische Partyleben dürfte vielleicht auch eine Rolle dabei gespielt haben, dass es in Wolferls Uni-Laufbahn nicht immer zügig voran gegangen ist. Denn das Feiern wird im B3 groß geschrieben. Bei Heimpartys ist der 37-Jährige auch jetzt immer noch dabei, und nicht selten ist er der “Last Man Standing“: „Wir sitzen manchmal nach der Party noch bis sieben Uhr Früh in der Küche zusammen. Aber in letzter Zeit muss ich auch Rücksicht auf meine Freundin nehmen und ich muss auch nicht immer bis zum Schluss dabei sein.“ An eine Party erinnert er sich besonders gerne. Im Oktober vergangenen Jahres veranstaltet der damalige Heimsprecher zum Abschied eine Feier mit mehreren hundert Gästen, die das ganze Wochenende andauern sollte. Wolferl: „Das war für alle Beteiligten sehr anstrengend. Das Motto der Party war ‘Ich habe die Drei-Tage-Party überlebt, aber an den dritten Tag kann ich mich nicht erinnern`!“

Ob ihm der Abschied vom Leben im Studentenheim schwer fällt, bei so vielen schönen und lustigen Erinnerungen? „Ein bisschen, aber ich werde dem Heim über den B3-Club verbunden bleiben, und zu den Festen werde ich auch weiterhin kommen.“

Eine große Abschiedsparty wird es jedenfalls auch für Wolferl geben. Den bisherigen Wohn-Rekord im B3 hat er bereits um sieben Jahre überboten. Wird er auch den Party-Rekord brechen können?  Der Veteran gibt sich zögerlich: „Das wäre meiner Freundin wohl nicht so recht... obwohl, bei der Drei-Tage-Party hat sie sich auch ganz gut amüsiert.“ Vielleicht wird es ja doch noch was, mit dem zweiten B3-Rekord.

Infos

  • Das Burgenlandheim 3 (B3) wurde 1977 eröffnet und befindet sich in der Bürgerspitalgasse in 1060 Wien
  • Das B3 bietet 232 Plätze, die Miete beträgt zwischen 218 und 285€ monatlich
  • Nicht nur Burgenländer wohnen im B3, allerdings werden burgenländische Studenten bei der Zimmervergabe bevorzugt behandelt
  • Es gibt kein Alterslimit, aber mindestens einmal pro Jahr muss eine gültige Studienbestätigung vorgelegt werden
Autor: Paul Haider, zuletzt geändert: 11.01.2012 15:31
 
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