Magenschabs geheime Drahtzieher

Ein spannendes historisches Buch beleuchtet die Geschichte der Burschenschaften und gibt Einblick in Sprache und Rituale.

Wenn sich am heutigen Ball des Wiener Koprorationsringes (WKR) wieder einmal die Geister scheiden, fällt das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf auf einen über das Jahr wenig ausgeleuchteten Winkel der Republik: das Coulourstudententum. Udo Guggenbichler, schlagender Pennäler, Bezirksobmann der FPÖ in Wien Währing und Organisator des umstrittenen Balls, verteidigt die Veranstaltung. Ganz unpolitisch rufe man zum Tanz, über prominente rechtsradikale Gäste wisse man nicht Bescheid und überhaupt gehe es bei den Burschenschaften um urdemokratische, erzliberale, bürgerliche Werte.

"Die geheimen Drahtzieher"

Wer sich mit den Hintergründen der Burschenschaften näher beschäftigen und Guggenbichlers Thesen überprüfen möchte, kann nun auf ein neues Buch zurückgreifen, das der Journalist Hans Magenschab, selbst im Cartellverband (CV) korporiert, im Oktober bei Styria veröffentlicht hat. „Die geheimen Drahtzeiher – Macht und Einfluss der Studentenverbindungen“ ist ein historisches Werk, das die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Farbstudententums seit 1800 erzählt und in der Geschichte Österreichs und Deutschlands verortet.

Hintergrund

Magenschab zeichnet den historischen Hintergrund nach, vor dem die Politisierung der Studentenschaft im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts begonnen hat. Die Strukturen der traditionellen Landsmannschaften schienen den Vertretern von vier frühen Studentenverbindungen nicht mehr zweckgemäß. 1815 wählten die ersten 143 Funktionäre ihre „Senioren“. Dass hier gewählt und nicht ernannt wurde, muss nach zeitgemäßem Urteil geradezu subversiv gewesen sein. Abgesehen vom liberalen intellektuellen Geist in Jena, dem „Harvard des 19. Jahrhunderts“ identifiziert der Autor bereits die Überfrachtung mit Nationalismus. „Der `detuschen Tugend` zu entsprechen genügte auch als ausreichende Begründung für Hetzte, Hass und Vorurteil“. Damals schon.

Credit: Styria

Psychoanalytische Genauigkeit

Hans Magenschab liefert eine Analyse des historischen Hintergrunds der Coulourstudententums mit geradezu psychoanalytischer Genauigkeit. Die Historie liest sich wie die Analyse der frühen Kindheit einer Bewegung. So gelingt es ihm, die zum Klischee gewordene Rechtfertigung rechtsextremer Verbindungen, die sich auf die liberalen, demokratischen und bürgerlichen Werte der frühen Burschenschaften beruft, geschickt zu entzaubern.

Antisemitismus

Deutschnationalismus und Antisemitismus ziehen sich wie ein roter Faden durch Magenschabs Analyse, die anschulich Zusammenhänge aufzeigt und den Einfluss der Farbentragenden auf den Lauf der Geschichte dokumentiert. Vom Deutschen Bund, über den Preußisch Österreichischen Krieg, den Nationalsozialismus bis zu Jörg Haider und aktuellen Fragen. Bei der Gründung der Urburschenschaft 1815, berichtet der Autor, wird das Judentum noch mit keinem Wort erwähnt. Vier Jahre später kommt es dann bereits zum ersten Prognom von Coulourstudenten in Würzburg.

Verwechselbarkeit

Die Ideale und Verhaltensregeln haben sich seit der Zeit Jenaer Urburschenschaft kaum verändert, schreibt Magenschab. Die daraus resultierenden Ähnlichkeiten zwischen etwa den „Schlagenden“ vom WKR, Katholen“ und „Pennalien“ führen zu Verwechslungen und dazu, dass korporierte Studenten oft in einen Topf geworfen werden. „Vor allem aber,“ heißt es im Buch, „ trinken sie Bier nach bestimmten Ritualen, die nur Insider beherrschen“.

Mensur

Das Buch bietet einen Einblick in Traditionen, Sprache und Rituale dieser studentischen Parallelgesellschaft. Zum Beispiel der bewaffnete Eherenhandel, in Burschenschaftskreisen „Mensur“ genannt. Der Autor beschreibt die Mensur als Blitzableiter für den jugendlichen Übermut, Probe des deutschen Heldenmutes und nicht zuletzt als Ritaulisierung des im 19. Jahrhundert grassierenden Duellwesens. Auch dass die Bewaffnung der Studentenschaft nicht immer nur zum Nachteil war, verschweigt Magenschab nicht. So haben deutschnationale Burschenschafter an der Seite Wiener Bürger in der Revolution 1848 gegen die Kaiserlichen für demokratische Reformen gekämpft.

Von "Fuxen" und "Schlägern"

Magenschab, selbst Mitglied des CV ist ein parteiischer Beobachter. Daraus macht er kein Geheimnis. Zwar bleibt er dem einschlägigen Vokabular („Fuxen“, „Philister“) treu, das manchmal zum Euphemismus wird („Schläger“ für scharfe Mensurklingen), lässt seinen „Bundesbrüdern“ jedoch nichts durchgehen. Er recherchiert in historischen Dokumenten gleichermaßen wie im Internet und zitiert grausam anschauliche Mensurberichte aus der kritischen Presse.

Umdenken

In der ORF-Diskussionssendung „Club 2“ warf er den Burschenschaften vor, mit Traditionen wie der „Pflichtmensur“ unkritisch umzugehen: „ist das wirklich Zeitgemäß? Gibt es da zumindest eine Diskussion?“. Auch zur heutigen Ideologie vieler Wiener Burschenschaften verschweigt Hans Magenschab seine persönliche Meinung nicht: das Umdenken nach 1945 sei bis heute nicht erfolgt.

Zum Autor

Hans Magenschab, geboren 1939, Studium der Rechts- und Politikwissenschaft, Journalist (u.a. KURIER, Chefredakteur der „Furche“ und „Wochenpresse“), gestaltete zahlreiche TV-Dokumentationen zur europäischen Geschichte, danach Informationschef in der Präsidentschaftskanzlei und Pressesprecher des österreichischen Bundespräsidenten, u. a. Autor der Biografien „Josef II.“, „Erzherzog Johann“, „Andreas Hofer“ und des Bandes „Die Welt der Großeltern“. (Styria)

Autor: Axel Beer, zuletzt geändert: 27.01.2012 14:26
 
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